“Weltklasse” - Konzertbericht - CD Release Tour “Best of 1st International Jazz Solo Piano Festival 2009″

19. Dezember 2009 | Von Jan Matthies | Kategorie: Presse Ayako Shirasaki

Nabil Atassi über Ayako Shirasaki’s Konzerte in Hamburg für das Jazz-Magazin Jazzthetik, Dez. 2009, Seite 66

“Improvisation, Interpretation oder Komposition? Diese Frage ergibt sich aus der Möglichkeit, die Jazzpianistin Ayako Shirasaki an zwei aufeinanderfolgenden Abenden in völlig unterschiedlichen Formationen erleben zu können. Die Voraussetzungen der beiden Hamburger Konzerte hätten kaum unterschiedlicher sein können: Am ersten Abend im Jazzclub, ebenerdig in Triobesetzung, am nächsten Abend solo, festlich auf der Bühne der barocken Hamburger Laeiszhalle.

Tag 1, das Trio im Jazzclub im Stellwerk Hamburg-Harburg. Nur für einen kurzen Augenblick erweckt der Auftritt der zierlichen Japanerin den Eindruck, dass es ein ruhiges Konzert werden würde. Sie beginnt das Programm mit zwei Standards, erhebt den Anspruch auf Groove. Ihre beiden Hamburger Sidemen, Philipp Steen (b) und Kai Bussenius (dr), zwei junge Wilde in Anzügen mit Turnschuhen, verhelfen ihr dazu. Die Pianistin hatte sich im Vorfeld ihrer Tournee durch Norddeutschland ganz bewusst für die beiden entschieden: »Ich habe mir die Profile der beiden im Internet angehört - und sie passten einfach am besten zu meinem Stil! « Eine gute Entscheidung. Während Ayako mit klarem Spiel, technisch brillant, mal leichtfüßig swingend, mal schwer, festlich und lyrisch narrativ mit sanftem Blick (nicht ohne eine gewisse Strenge) den Kurs vorgibt, gehen die beiden akzentuiert, zuweilen etwas holzig, aber schwungvoll ans Werk und verleihen dem Konzert einen gewissen jugendlichen, zuweilen auch angenehm rohen Charme. Shirasaki variiert zwischen Standards und Eigenkompositionen, lotst ihre mittlerweile richtig in Schwung gekommenen Mitmusiker grazil durch das Set bis hin zu »Airegin« von Sonny Rollins, dem musikalischen Höhepunkt des Abends (und Opener ihrer 2003 erschienen CD Existence). Jetzt hasten alle drei Musiker konzentriert durch das temporeiche Stück, ein Solo jagt das nächste - bis die drei im Finale ihrem Improvisationstrieb freien Lauf lassen und dabei wie ein echtes New Yorker Jazzpiano-Trio klingen. Fazit: Überraschend laut und überraschend wild!

Tag 2, Shirasaki solo im Studio E der Laeiszhalle. Im edlen Ambiente des Raums entsteht eine getragene, etwas angespannte konzertante Atmosphäre. Genau hier scheint Shirasaki in ihrem Element zu sein, betrachtet man ihr zufriedenes Lächeln bei der Auflösung der ersten Akkorde. Bereits beim Eröffnungsstück, einer Komposition von Billy Strayhorn, wird klar, dass der heutige Abend keine dynamische Replik des gestrigen sein würde. Virtuos und sehr konzentriert erzeugt Shirasaki einen gewaltigen Klangkörper, in dem sich Jazz und Elemente aus klassischem Solo-Pianospiel vereinen. Sie moduliert, akzentuiert, schafft es aber nicht recht, die Frische des vorigen Abends zu erreichen. »Solo spielen ist eine stoische Angelegenheit, man muss alles selbst machen. Es bedeutet Freiheit, aber auch viel Verantwortung«, meint die Pianistin. Vielleicht tritt Shirasaki heute deshalb mehr als Interpretin denn als Komponistin auf. Es reiht sich Standard an Standard, Shirasakis eigene Kompositionen finden fast keinen Raum. Im zweiten Set zeigt sie, dass Solo-Jazzpiano große Kunst sein kann und erzählt mit dem lyrischen »Falling Leaves« die gern gehörte Geschichte vom Herbstnachmittag in New York City. Sie beschließt das Konzert mit einem unglaublichen Medley aus gleich drei vom Publikum gewünschten Standards. Weltklasse.

An zwei Abenden in Hamburg konnte man zwei unterschiedliche Facetten einer sehr interessanten Pianistin erleben. Auf ihren weiteren Weg angesprochen, sieht sie sich mehr als Improvisateurin und Interpretin denn als Komponistin. Eine Sympathieträgerin ist sie allemal, die ihr Publikum trotz der musikalischen Unterschiede an beiden Abenden mit dem wohligen Gefühl in den Herbstabend entließ, soeben wirklich gute Musik gehört zu haben.”

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